Was sind systemische Fragen? Eine Liebeserklärung


Zentrale Werkzeuge systemischen Arbeitens sind neben den handlungsbezogenen Interventionen vor allem Fragetechniken, welche sich im systemischen Arbeiten dadurch auszeichnen, dass sie einerseits den Befragten und sein System erforschen und somit Veränderungen anregen können, und andererseits das Maß an Standardfragen „Durch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Frageinhalten, -konstruktionen und -richtungen […]“ (Schwing & Fryszer, 2018, S. 209) übersteigt.

Durch Fragen wird es möglich eine „[…] Idee über die Logik der Spielregeln sozialer Systeme zu entwickeln […]“ (Simon & Rech-Simon, 2018, S. 8). Ergo werden nicht nur Informationen gewonnen, sondern gleichzeitig auch neue Informationen geschaffen, denn „[…] in jeder Frage versteckt sich eine implizite Aussage, die die gewohnte Art, wie die Dinge bisher gesehen wurden, potenziell verstören kann.“ (Schlippe & Schweitzer, 2013, S. 249).

Der Fragende muss sich seiner Intervention durch jede Frage bewusst sein, gemäß des kommunikationstheoretischen Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick et al. 1985, S. 53), ergo ist es nicht möglich Fragen zu stellen, ohne damit zugleich bei Teilen des Systems Ideen anzuregen und anzustoßen (Hansen, 2019, S. 39; Schlippe & Schweitzer, 2019, S. 40). Im Idealfall sollen mittels Fragen, Angebote von Wirklichkeitsbeschreibungen an den Befragten expliziert, verhärtete Beschreibungen verflüssigt und somit der Blickwinkel dekonstruiert und erweitert werden (Schlippe & Schweitzer, 2013; S. 249).

Durch Dekonstruktion und Blickwinkelerweiterung kann ein neuer Lösungsraum entwickelt werden. „Den Lösungsraum zu entwickeln heißt, den engen Horizont oder gar den toten Punkt, der mit heftigen ausgetragenen Konflikten verknüpft ist, zu überwinden […].“ (Schwendner, 2012, S. 141) Schwendner weiter folgend ist es dafür nötig die Muster zu identifizieren, zu verstehen und sichtbar zu machen, welche den besagten toten Punkt auszeichnen, unter der Beachtung, dass diese Muster nicht einfach da sind, sondern aus einem sozialen Spannungsfeld erschaffen, erhalten und genährt werden (ebd.). Mitunter beinhalten diese Muster Anteile im lösungsorientiertem Sinn, welche jedoch noch nicht erkannt wurden.

Solch konfliktreduzierende Muster bieten Möglichkeiten des Übergangs und Wechsels vom Konflikt- zum Lösungssystem. Vor allem die Frage nach Ausnahmen und Unterschieden die Unterschiede machen verweisen auf Ressourcen des Systems. (a.a.O., 143) Für Simon & Rech-Simon (2018, S. 7) sind v.a. die sogenannten zirkulären Fragen das wichtigste Instrument eines systemischen Beraters oder Therapeuten. Diese Frageform ist in „[…] ihrer Wichtigkeit für die systemische Praxis eigentlich nur mit der Bedeutung der Traumdeutung für die Psychoanalyse vergleichbar.“ (ebd.) Es soll ergo ein Blick auf Phänomene eröffnet werden, welcher zuvor nicht im Bewusstsein war. Damit werden dem außenstehenden Beobachter Ideen zugänglich, „[…] Ideen über diejenigen Prozesse [zu entwickeln], die dafür sorgen, dass ein System so funktioniert, wie es funktioniert.“ (ebd.)


Quellen
Hansen, H. (2019). A bis Z der Interventionen in der Paar- und Familientherapie. Ein Praxisbuch (6. Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta.
Schlippe, A. & Schweitzer, J. (2013). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen (2. Auflage). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Schlippe, A. & Schweitzer, J. (2019). Systemische Interventionen (4. Auflage). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Schwendner, R. (2012). Konflikte wirksam lösen. Systemisches Arbeiten mit Familien und Organisationen. Stuttgart: Klett-Cotta.
Schwing, R. & Fryszer, A. (2018). Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis (9., unveränderte Auflage). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Simon, F. B. & Rech-Simon, C. (2018). Zirkuläres Fragen. Systemische Therapie in Fallbeispielen. Ein Lehrbuch (13. Auflage). Heidelberg: Carl Auer Verlag.
Watzlawick, P.; et al. (1985). Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien (7. unveränderte Auflage). Bern Stuttgart Toronto: Verlag Hans Huber.

Wissenschaftlicher Fachbeitrag von Cindy Jahr