Schickt den Pressesprecher in Rente.

Mitarbeitern ihre Stimme zurückgeben: Kommunikation in agilen Unternehmen

“Ach nee, nicht der schon wieder!” Sobald der Pressesprecher ins Spiel kommt, sind alle genervt. Die Journalisten, weil sie keine schön gefärbten, langweiligen, x-mal abgestimmten Plattitüden haben wollen, in deren Nebensätzen sie nach einer geheimen Botschaft suchen müssen. Verlautbarungen, die vor Passivismen triefen, selten sofort verfügbar sind und die der Arbeit der Journalisten Herz und Seele rauben.

Noch mehr leiden aber die Mitarbeiter. Denn an der Bürotür lassen sie nicht nur einen Großteil ihrer Persönlichkeit zurück (Kleidungsstil, Privatleben, Emotionen, Familie, Hund) – sondern verlieren auch noch ihre Stimme. Denn sobald ihr Fachgebiet, ihre Expertise, ihr Wissen gefragt ist, kommt ein “Absauger” und spricht für ihn. Selbst bei einem richtig guten Pressesprecher – und die gibt es natürlich – ist das Ergebnis für den “Urheber” der Informationen frustrierend. Schnell fühlt man sich wie ein Kind, welches die Klappe zu halten hat, während die Erwachsenen reden.

Und die Pressesprecher? Geht es ihnen gut damit?

Als langjährige Pressesprecherin (und Kommunikationsdirektorin) kenne ich den Job aus dem Effeff. Doch richtig angefühlt hat es sich selten. Denn auch meine Stimme wurde mir ja genommen. Egal wie viel journalistisches Herzblut eine “Pressemitteilung” enthielt, am Ende musste sie ja auch “nach oben” noch durch die Instanzen. Aber es hat eine Weile gedauert, mir das einzugestehen. Schließlich war ich ja am Hebel. Hatte eine coole Machtposition. Ich konnte all den erfahrenen Marktmitarbeitern da draußen verbieten, sich zu äußern. Natürlich zu ihrem eigenen Schutz (das kleine Kind…). Um Himmels willen! Wenn die selbst mit der Presse reden – was da alles bei herauskommen kann! Bis hin zu Imageschäden für unser schmuckes Unternehmen! Das Ergebnis war, dass ich – gelernte Politikwissenschaftlerin – über Dinge die ich nie gelernt hatte  – das Bankwesen  – mit Menschen sprach, die gar nicht mit mir sprechen wollten – den Journalisten.

Und da soll also was Gutes herauskommen? Schwerlich. Nach über 20 Jahre auf beiden Seiten (Journalismus und PR) mus ich mir eingestehen, dass es einfach falsch ist. Und vor allem gefährlich. Denn das Glattbügeln und Schönreden führt einerseits nicht zum gewünschten Erfolg – wie stehts denn mit dem Image der großen deutschen Unternehmen? Andererseits erstreckt es sich schleichend nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auf die Gesellschaft.

Vor allem der Politik hat unsere Zunft das Leben und das Herzblut förmlich ausgesogen. Kaum ein Politiker der noch seine eigene Stimme hat: Was man da liest und hört, erinnert mehr an die grauen Herren in “Momo” als an Herzensarbeit für die Menschen dieses Landes – was ja eigentlich die Definition von Politik sein sollte. Zwar gibt es immer noch einige Klartext und Vollblut-Politiker, die kein Blatt vor den Mund nehmen, aber wenn man die Aufgeregtheit der Political-Correctness-Gesellschaft bei jeder angeblichen “Entgleisung” von wirklich und offensichtlich gutwilligen Menschen betrachtet, ist das für sie wenig vergnügungssteuerpflichtig. Auch sie rudern zurück. Also haben wir eine riesige Imagemaschine, und das Ergebnis? Das miese Image der Politik(er) steht dem der Wirtschaft in nichts nach.

Nicht zu reden vom Privatleben in unserer “Alles-gut-Gesellschaft” – hier sind wir doch selbst längst unsere eigenen Pressesprecher und berauben uns freiwillig selbst unserer Stimme. Sorgfältig wählen wir in Wort und Bild aus, was wir über uns preisgeben und vermarkten unsere Urlaube, Partner, Kinder und Erfolge – ob beim Gespräch mit Freunden oder in den Sozialen Medien. Ich fühl mich schlecht? Niederlagen? Nein nein nein! “Alles gut!”

“Gebt den Mitarbeitern ihre Ganzheit zurück” ist sinngemäß eine der 3 einfachen Forderungen von Frederic Laloux, der in “Reinventing Organizations” ein neues Zeitalter von Zusammenarbeit beschreibt. Denn wir befinden uns in einem neuen Zeitalter der Unternehmensorganisation. Die Welt der hierarchisch aufgebauten Unternehmens-Pyramiden bricht zusammen und wird nicht nur uneffektiv, sondern gefährlich. Denn sie reagiert weder auf den Markt, noch auf die Menschen, die die riesige Pyramide auf ihren Schultern tragen sollen – aber in Scharen weglaufen. Selbstorganisation & ScrumHolocracy und Humagility sind Prinzipien, die aus grauen Herren wieder ganzheitliche Menschen werden lassen. Sie stehen für die Chance, den Arbeitsort zu einem wunderbaren Platz zu machen, an dem ich lachen und Fehler machen darf. Und an dem ich wieder eine Stimme habe!

Und was wird aus dem Pressesprecher? Ein agiler Kommunikationsmanager. Einer, der die Menschen seines Unternehmens dank seiner exzellenten Fachkenntnis dabei unterstützt, sprachfähig zu sein, und der mit Argusaugen darüber wacht, dass im Unternehmen agil und authentisch kommuniziert wird – und zwar in alle Richtungen.